Forum Neue Musik, Hochschulkonzerte, Orchester, Oper, Chor, Ballett, Prüfungskonzerte

The Rape of Lucretia - Konzertante Aufführung

Kammeroper von Benjamin Britten
Libretto von Ronald Duncan (after André Obey)
Studierende des Instituts für Musiktheater (Opernschule) und der Gesangsklassen
Kammerensemble der Hochschule
Musikalische Einstudierung/Leitung: Prof. Cosima Sophia Osthoff

Montag, 18. Juni 2018
19:30
Uhr
Musikhochschule Mannheim
Hans-Vogt-Saal
N 7, 18
68161 Mannheim
Eintritt frei

Der zynische etruskische Prinz Tarquinius wettet mit
seinen Soldatenkameraden, dass es ihm gelänge, Lucretia, die ehrbare Gattin des
römischen Generals Collatinus zu verführen. Als sich diese seinen nächtlichen
Annäherungsversuchen widersetzt, wird sie von ihm vergewaltigt. Um ihre Ehre
wieder herzustellen, sieht die gedemütigte Frau keinen anderen Ausweg als den
Freitod. Aus diesem antiken Stoff hat Britten mit den Mitteln der Barockoper
und des Epischen Theaters ein intensives musikalisches Kammerspiel geschaffen.

 

The Rape of Lucretia

Oper
in zwei Akten von Benjamin Britten (1913-1976)

Libretto: Ronald Duncan

UA am 12.Juli 1946 in Glyndebourne

 

 

 

Erzähler

Minhyung Cha

Erzählerin

Ayano Hirazawa

Collatinus,
ein römischer General

Dongjun Choi

Junius,
ein römischer General

Ke Jiang

Prinz
Tarquinius, Sohn des Etruskischen Tyrannen, Tarquinius Superbus

Buyan Li

Lucretia,
Frau des Collatinus

Ahreum Han

Bianca,
Lucretias Dienerin

Merit Eiermann

Lucia,
Lucretias Zofe

Giulia
Scopelliti

 

Inhaber der Aufführungsrechte:

 

Boosey & Hawkes Bote & Bock GmbH für Hawkes & Son (London)
Ltd.

Orchester:

Sanjar Sapaev, Violine I
Yana Zelenogorska
, Violine II
Taehoo Lee
, Viola
Gustav Hübner
, Violoncello
Nuno Osorino
, Kontrabass

Julia Schmidt, Flöte
Rut Santiago Gonzales
, Oboe
Vasyl Riabitsky
, Klarinette
Johannes Busemann
, Horn
Freya Petrich
, Harfe
Jose Maria Placios Munos
, Schlagzeug
Hanna Pyo
, Klavier

 

Dirigent
des Abends

 

Hangyul
Chung

Musikalische
Gesamtleitung

Cosima
Sophia Osthoff

Musikalische
Einstudierung

Barbara Baun, Youngrang

Kim, Hanna Pyo, Sebastian Zierer

Sprachcoaching

Reuben
Willcox

 

 

 

INHALT

 

 

 

 

1. Akt

Rom steht unter
der Herrschaft des etruskischen Königs und Despoten Tarquinius Superbus. Das
römische Heer befindet sich im Feldzug gegen die Griechen.

Im Heerlager
räsonieren die Generäle - darunter Tarquinius, Sohn des Königs Tarquinius
Superbus, Collatinus, Ehemann der Lucretia, und Junius bei einem Zechgelage
über die Tugendhaftigkeit der Frauen im Allgemeinen und die mutmaßliche Treue
ihrer eigenen im Besonderen. Alle haben begründete Zweifel an der Treue ihrer
Gattinnen.

Nur Collatinus ist
sich sicher: Seine Lucretia würde ihn nie betrügen!

Angestachelt von
Junius bricht der „Frauenheld" Tarquinius auf nach Rom, um die keusche
Lucretia zu erobern und sich und allen anderen seine Verführungskünste zu
beweisen. Unter einem Vorwand verschafft er sich Zutritt in Lucretias Haus
und erhält Obdach und Nachtquartier.

 

 

 

2. Akt

Tarquinius lässt
gegenüber Lucretia all seine Verführungskünste spielen. Vergebens. In der
Nacht schleicht er sich in ihr Zimmer und weckt die schlafende Lucretia mit
einem Kuss. Als sie sich wehrt, zieht er sein Schwert und vergewaltigt sie.

Am kommenden
Morgen lässt Lucretia nach ihrem Mann Collatinus schicken, der - beunruhigt
durch das Verschwinden von Tarquinius aus dem Heerlager - bereits auf dem Weg
zu seiner Frau nach Rom ist.

Als er zuhause
eintritt, berichtet ihm Lucretia von der Vergewaltigung in der vergangenen
Nacht. Aber obwohl Collatinus ihr glaubt und keine Schuld an ihr entdecken
kann, ersticht sich Lucretia selbst.

Für
das römische Volk wird der Selbstmord Lucretias zum endgültigen Signal für
den Aufstand gegen die etruskischen Tyrannen.

 

(Quelle:
HFK Bremen)

 

 

 

„For all men love
the chaste Lucretia!"

 

Die Geschichte von der Vergewaltigung der Lucretia, die dem Mythos
nach die Gründung der römischen Republik angestoßen haben soll, hat bereits
viele Künstler inspiriert. Es geht um Anziehung und Gewalt, um Macht und
Machtlosigkeit, Schuld und Unschuld, Leben und Tod - ein vielversprechender
Stoff also, sowohl für die Literatur und die bildenden Künste als auch für
das Musiktheater.

Benjamin Britten wählte ihn für seine erste Kammeroper The Rape
of
Lucretia (UA 12.Juli 1946). Acht Sänger und 13
Instrumentalisten braucht er nur, um jeden Charakter, jede Stimmung, jede
Farbe so direkt wie möglich an sein Publikum heranzutragen. Für den
Komponisten hat die Oper innerhalb seines Schaffens eine besondere Bedeutung:
The Rape of Lucretia war das erste Projekt der English Opera Group.
Das Ensemble reiste ab den 1940er Jahren durch England, ausschließlich mit
englischen Opern im Gepäck - die meisten von Britten selbst, der
Mitbegründer des Ensembles war. Sein Ziel war es, für sein Heimatland eine
ganz eigene Operntradition zu schaffen und sie jedem zugänglich zu machen;
und das mit ebendieser kleinen Besetzung, wie man sie bei The Rape of
Lucretia
findet. Es fasziniert, wie Britten - vielleicht gerade durch
diese Reduktion der Mittel - jeder Figur Tiefe und Vielschichtigkeit
verleiht.

Vor allem gilt das natürlich für die schöne Römerin Lucretia, um
die sich alles dreht. Ganz Rom schwärmt von ihr, denn sie scheint die
Reinheit und Treue in Person zu sein. Eine ganz besondere Frau, aber auch
unerreichbar. Lucretia liebt ihren Mann Collatinus über alles, doch der
kämpft im Krieg für die Etrusker, die Rom beherrschen. An der Spitze des
tyrannischen Systems stehen der etruskische König und sein Sohn, Prinz
Tarquinius - ein Krieger und Machthaber, der vermutlich nicht „männlicher"
sein könnte. Apropos männlich: Die Darstellung von Geschlechterstereotypen
kommt bei Britten auf keinen Fall zu kurz. In den beiden Szenen des ersten
Aktes werden unmissverständlich Männer- und Frauenbilder kontrastiert - die
Männer alkoholisiert und streitend im Kriegslager, die Frauen melancholisch
zu Hause an ihren Spinnrädern. Tarquinius ist jedenfalls mehr als
ambitioniert, seinem eigenen männlichen Ideal gerecht zu werden. Gelangweilt
vom Haufen williger Frauen, die sich um ihn scharen, sehnt er sich nach
Unberührtheit, einer Schönheit, die er erobern kann. Natürlich hat auch er
den Trubel um Lucretia mitbekommen und fühlt sich zu ihr hingezogen. Aber
dabei bleibt es nicht. Die Nacht, in der Tarquinius nach Rom reitet, um bei
Lucretia Unterkunft zu suchen, wird zu einem gewaltsamen Machtspiel. Im Akt
der Vergewaltigung entlädt sich der Geschlechterkampf, der sich angebahnt
hatte. Negativ behaftete Männlichkeits-Stereotype triumphieren, und alles,
was an Lucretias Weiblichkeit glorifiziert wurde, wird zerstört, ihre
Keuschheit wird gebrochen. Am nächsten Morgen konfrontiert sie Collatinus mit
dem Geschehen, der ihr vergibt, trotzdem nimmt sie sich das Leben - aus
unklaren Schuldgefühlen, wegen des Ehrverlustes und sicherlich auch, weil
sie dem perfekten Bild nicht mehr entspricht, das alle auf sie projizieren.

Britten sucht den direkten Kontakt zum Publikum, was sich durch sein
gesamtes Schaffen zieht. Er möchte, dass seine Kunst etwas bewirkt, uns zum
Nachdenken anregt. In The Rape of Lucretia ist dieser Kontakt ganz
unmittelbar, indem Britten die Handlung in einen neuen Kontext einbettet:
Zwei Erzähler, ein männlicher und ein weiblicher „Chorus", bieten dem
Publikum ihre eigene Lesart der Geschichte an. Die beiden Chorus‘ haben weder
zeitlich noch örtlich irgendeine Verbindung zur Handlung. Sie bilden eine
ganz eigene Sphäre, sind unabhängig von der Diegese, wirken
desillusionierend. Durch sie erkennen wir immer wieder, dass die Oper ein
konstruiertes theatralisches Spiel ist. Die Wahrnehmung der Erzähler ist
dabei aber sehr nah an der Handlung. Sie sehen alles, was geschieht, sie
unterstützen die Bilder und Stimmungen, die Britten vermitteln will. Sie
kommentieren, interpretieren, alles aus ihrer eigenen Perspektive: dem
christlichen Glauben. - Moment, die christliche Perspektive wird mit der
heidnischen Lucretia-Erzählung verbunden? Auf den ersten Blick erscheint dies
fast absurd. Aber mit der Autonomie der Chorus‘, ihrer Nähe zum Publikum und
zur Handlung erhält die sonderbare Einbettung doch ihren Sinn. Und Britten
wäre nicht Britten, wenn er seine Gedanken zu den Konflikten auf der Bühne
nicht deutlich kommunizieren würde. Die Chorus' haben über lange Strecken
appellativen Charakter; man spürt, wie sie selbst persönlich betroffen zu
sein scheinen, wenn die Sünde über das Gute siegt. Der tröstliche Epilog, der
sich am stärksten von der Lucretia-Handlung abhebt, vollendet diese Tendenz.

Eigentlich wäre nach Lucretias Selbstmord die Oper zu Ende. Die
Trauernden blieben zurück, die Sünde hätte gesiegt, zumindest, wenn Britten
beim Libretto nicht ein Wörtchen mitgeredet hätte. Tatsächlich legte der
Komponist sehr viel Wert auf eine enge Abstimmung von Text und Musik. Man
sollte sowohl den musikalischen Ausdruck als auch jedes gesungene Wort
verstehen können - eine weitere Konsequenz seines Wunsches, sich dem Publikum
direkt mitzuteilen. Für The Rape of Lucretia bedeutete Brittens
Eingreifen in das Libretto die Einbindung eines Epilogs, in dem die Chorus‘
der tragischen Geschichte ein hoffnungsvolles Ende geben. So schließt sich
auch der Kreis, den die Chorus‘ zu Beginn aufgemacht haben. Damit ist die
Oper viel mehr als der überlieferte Stoff selbst, sie wirft Fragen auf,
irritiert uns bewusst, fordert uns auf zu Selbstbestimmung und
Menschlichkeit.

 

Caterina Szigeth

 

 

 

An der Hochschule für Musik und Darstellende
Kunst Mannheim
ist es bewährte
Praxis, dass musikwissenschaftliche Seminare künstlerische Hochschulprojekte
begleiten. Die an den Projekten beteiligten Studierenden erhalten auf diese
Weise die Gelegenheit, sich aus anderer Perspektive mit den von ihnen präsentierten
Kompositionen auseinanderzusetzen und ein noch besseres Verständnis dafür zu
entwickeln; für andere Studierende ergibt sich die Chance, durch Proben- und
Aufführungsbesuche einen Einblick in die konkrete künstlerische Umsetzung zu
erhalten. Dieser produktive Austausch entspricht dem an unserer Hochschule
gepflegten Dialog zwischen den wissenschaftlichen und künstlerischen
Disziplinen, wofür im vergangenen Jahr mit der Gründung des Instituts für
Musikforschung Mannheim ein weiterer starker Impuls gesetzt wurde.

Im gegenwärtigen
Semester findet parallel zur Einstudierung von Benjamin Brittens The Rape
of Lucretia
ein Seminar zu „Lucretia in der Musik" statt. Neben der
Analyse der Kammeroper im Blick auf ihre Rollenkonstellation, dramaturgische
Anlage und musikalische Struktur widmen wir uns der Kontextualisierung. Zu
erwähnen sind die antiken Schilderungen der tragischen Geschichte, die
Umsetzung des Stoffes in den bildenden Künsten, in der Literatur und in den
Vertonungen von Georg Friedrich Händel, Reinhard Keiser, Heinrich Marschner
sowie Ernst Krenek. Und schließlich entstand auch der Begleittext in diesem
Programmheft im Rahmen dieses Seminars.

 

Prof. Dr. Panja
Mücke

Leiterin des
Instituts für Musikforschung Mannheim

 

 

 

 

 

 

Wir
danken:

 

Prof.
Katharina Dau, Prof. Anna Maria Dur, Prof. Stefanie Krahnenfeld, Prof.
Timothy Sharp, Prof. Snezana Stamenkovic, Manuel Veronesi, Sandra Schuschan,
Rafael Valdivieso, Thilo Fischer, Gregor Hermann und den Kolleg*innen im
Konzertbüro, Kathrin Winter und den Mitarbeiter*innen der Bibliothek, Ralf
Rüssel und dem gesamten Team des Hausdienstes.

 

 

 

 

 

 

Wir weisen darauf
hin, dass das Mitschneiden des Konzertes aus urheberrechtlichen Gründen nicht
gestattet ist.