Forum Neue Musik, Kurse, Seminare, Vorträge

CONTEMPORARY DUO

Forum Neue Musik Vortrag
mit Kousei Murata, Posaune, Kazue Nakamura, Klavier und Haruyuki Suzuki, Komposition
Zeitgenössische Musik aus Japan

Donnerstag, 11. Mai 2017
15:00
Uhr
Musikhochschule Mannheim
Kammermusiksaal
N 7, 17
68161 Mannheim
Eintritt Frei

 

 

Vortrag (1)

Mica Nozawa野澤 美香 (*1961)

the only neat
thing to do
(2009) (DE)

 

Der Titel dieser Komposition für Posaune und
Klavier nimmt Bezug auf den gleichnamigen Kurzroman der amerikanischen 
Science-fiction-Autorin Alice B. Sheldon (mit literaischen Psydonym
James Tiptree jr., 1915-1987), der 1986 als Teil ihres Erzählbands Starry Rift (Sternengraben) erschienen
ist. In der deutschen Ausgabe des Septime Verlags Wien (Sämtliche Erzählungen, Band 6, 2014) wird der Titel der Erzählung über
eine eigen- sinnige Ausreißerin im Teenageralter, die auf einer fiktiven
Weltraumreise Erstkontaktmit einem seltsamen außerirdischen Volk herstellt, mit
Das einzig Vernüftige übersetzt. Mica
Nozawa schreibt dazu: „Vor allem instinktiv wird man von diesem Titel
fasziniert! Denn gibt es im Leben nicht wenigstens einmal einen Augenblick, in
dem man davon überzeugt ist, dass dies ‚das einzig Vernüftige‘ ist? Da ist ein
Mädchen, das sich alleine auf einer Weltraumreise befindet. Als sie aus dem
Schlaf erwacht, hat sich in ihrem Gehirn ‚noch eine andere Existenz‘ parasitär
eingenistet. Das Mädchen, das mit dieser‚ anderen Existenz‘ im wahrsten Sinne
des Wortes ein Herz und eine Seele im selben Körper geworden ist, stürzt sich
zum gegenseitigen Wohl in die Sonne und wählt den Weg der gemeinsamen
Selbsttötung. Und sie meint dabei: ‚Das ist das einzig Vernüftige!‘ Die Parallelen
zur Biografie der Autorin sind bemerkenswert: James Tiptree jr. litt trotz ihres
literarischen Ruhms und der zahlreichen Auszeichnungen ständig unter schweren Depressionen
und Todessehnsucht. Im Alter von 71 Jahren und nach einem vorab geschlossenen
Selbstmordpakt erschoss sie ihren an Alzheimer erkrankten Ehemann. Dann brachte
sie sich selbst um. Und als dies bekannt wurde, haben die Fans in aller Welt
sich zweifellos an diesen Titel ‚the only neat thing to do‘ (das einzig
Vernüftige) erinnert gefühlt." (M. Nozawa)

 

Mica
Nozawa
erhielt
Unterweisungen in Komposition von Yoshirô Irino (1921-1980) und Yoriaki
Matsudaira (*1931). Ihr Kompositionsstudium schloss sie an der Kunitachi Ongaku
Daigaku (Kunitachi College of Music) in Tokyo ab. Unter dem Einfluss der
Idiomatik der zeitgenössischen Musik schuf sie ihren eigenen, genreübergreifenden
Kompositionsstil, in dem sie Werke für Auftraggeber aus dem In- und Ausland zu
schreiben begann. Sie hat mittlerweile zahlreiche Bühnenmusikwerke, u.a. für
Film und Tanz/Theater/Performance, und auch Musik für TV-Dramen, CM und
Computerspiele geschaffen. 1986 erhielt Mica Nozawa den Nachwuchspreis beim
Kompositionswettbewerb der Japan
Society for Contemporary Music, 2000 den 2. Preis beim Internationalen Kompositionswettbewerb
des ICC anlässlich des 250. Todestags von J.S. Bach. 1988 besuchte sie als
Stipendiatin der amerikanischen Rockefeller-Stiftung (Asian Cultural Council)
die USA. 1992 absolvierte sie unter dem Titel Zeitgenössischer japanischer Körperausdruck eine Europa-Tournee,
mit Einladungen zum Festival Urbane
Aboriginare
in Berlin/Deutschland, einer Performance im Het Apollohuis in
Eindhoven/Holland sowie einer Einladung zum Manca-Festival in Nizza/Frankreich.
2002 wurde sie für ein Konzertprojekt in New York ausgewählt, das unter dem
Titel Music from Japan sechs
japanische Komponisten präsentierte, die in den 1960er Jahren geboren wurden.
2005 ermöglichte ihr ein Stipendium der italienischen Stiftung Civitella
Ranieri einen kreativen Italien-Aufenthalt. Auch als Produzentin ist Mica
Nozawa aktiv. So plante sie eine Konzertreihe für die Pianistin Kazue Nakamura
und den Posaunisten Kôsei Murata und die Gruppe yes-yes. Sie leitet die Initiative Performance Tokyo ‚Solitaire‘, die junge Künstler produziert, und veranstaltet
Aufführungen und Workshops  mit der
Performance-Gruppe Lotus Lotus unter
der Leiterin Miki Orihara, der Prinzipalin der amerikanischen  Martha Graham Dance Company und produziert
Aufführungen des Bashô-za, das unter
dem Thema Oku no hosomichi (Auf
schmalen Pfaden ins Hinterland; Reistagebuch des Haiku-Dichters Matsuo Bashô,
1644-1694) Lieder, Klaviermusik und Erzählungen präsentiert.

HP: http://www.micanozawa.com/index.html

 

 

Vortrag
(2)

Kôsei Murata村田
厚生 (*1958)

Tabla-ist (2008)
für Posaune solo (DE)

 

Der Titel dieser Solokomposition nimmt Bezug
auf die Tabla, ein Schlaginstrument
vor allem der klassischen Hindustani-Musik Nordindiens. Es handelt sich um ein
Paar kleiner Kesseltrommeln, die von den Fingern beider Hände gespielt werden
und mit hoch-komplexen und virtuosen Schlagpatterns den Rhythmus der Musik
gestalten. Darüber hinaus lassen sich die Trommeln aber auch auf Grundtöne
einstimmen, aus denen durch charakteristische Spieltechniken weitere
harmonische Obertöne hervorgerufen werden. So kann das Instrument auch
gleichsam „melodisch" eingesetzt werden. Tabla-Spieler
bedienen sich zu Bezeichnung der einzelnen Schläge und Schlagkombinationen
eines Systems von Silben, mit denen sie diese im Sinne eines mündlichen
Notationssystems auch sprechen/rezitieren (und damit memorieren) können, zum
Beispiel: Dha titi kite dha ge na tun na dha ti dha ge dhin na ge na. So können bei einem Tabla-Solo die
Stücke vor dem Spiel rein stimmlich vorgetragen werden. Davon hat sich Kôsei
Murata inspirieren lassen und sein Stück mit diesem Silbensystem konzipiert, um
die neuen, einzigartigen Spieltechniken seines Instruments jeweils vorab durch
Sprechen/Rezitieren entsprechender Silben eindringlich vorzustellen. Der Komponist von Tabla-ist
spielt sein Stück selbst. Sein Profil wird daher weiter unten im Abschnitt DIE
INTERPRETEN abgedruckt.

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